Tortour 18. bis 20. August - Chrigä zweifach auf dem Podest

Chrigä hat sich den Podestplatz hart erkämpft - und Rang 3 verdient. Bei der Schweizermeisterschaft Ultacycling wurde sie ebenfalls Dritte.

Die Tortour in der vollen Länge selbst bei Regen zu absolvieren - diese Meisterleistung hat Chrigä erbracht! Neben ihr wagten dies bloss zwei weitere Damen.

Die TORTOUR ist das erste mehrtägige Non-Stop-Radrennen der Schweiz. Die TORTOUR kombiniert die besten Ideen aus allen bestehenden Langdistanzrennen. Damit ist das Rennen attraktiv für Leistungssportler, Breitensportler sowieTeamsportler und Firmen. Das Rennen läuft während Tag und Nacht – eine grosse Herausforderung für Fahrer UND Betreuer.

Das Rennen startete in Schaffhausen und führte über rund 1‘000 km und 14‘500 Höhenmeter rund um die Schweiz wieder zurück in die Munotstadt.

Chrigä war während rund 50 Stunden nonstop auf dem Rennvelo, stetig begleitet von ihrem insgesamt 6-köpfigen Betreuungsteam. Sie war willensstark unterwegs. Alle Hochs und Tiefs einer Tortour begleiten sie; ihr Durchhaltewille obsiegte. Petrus schien kein Sportler gewesen zu sein, sonst hätte  er es nicht primär dort regnen lassen, wo die Tortour unterwegs war. Die frühen Morgenstunden sind sehr schwierige Phasen. Das Tageslicht bringt dann wieder neue Motivation in die Tour.

Mit der Tortour lernt man die Schweiz kennen, soweit die Landschaft (noch) genossen werden kann. Chrigä mit ihrem Betreuerteam fuhren die Strecke Schaffhausen - Frauenfeld - Unterwasser - Rheintal - Chur - Rheinschlucht - Illanz - Disentis - Oberalp - Wassen - Sustenpass -  Interlaken - Beatenberg - Interlaken - Spiez - Jaunpass - Bulle - Cole de Mosse - Aigle - Lausanne - Morges - Baumles - Le Locle  - Renconvilier - Balsthal - Laufenburg - Glattfelden - Schaffhausen.

Erlebnisbericht der Tortour von Christine Staub

Mein Ziel bzw. mein Traum das Hauptrennen der Tortour zu absolvieren, habe ich erreicht bzw. ist in

Erfüllung gegangen.

Es war ein sehr hartes Rennen, welches körperlich und mental alles forderte. Der Rang 3 in der Tortour und bei der Schweizermeisterschaft Ultracycling sind die Belohnung dafür.

 

Ich weiss nun aus eigener Erfahrung: «Ja es ist möglich, 1'000 Kilometer und 14'500 Höhenmeter durchzustehen! Meine Neugier ist nun gestillt!». Allerdings wäre eine solche Extremleistung ohne den Rückhalt meiner Familie, meines Freundeskreises, der Unterstützung meiner Mentaltrainerin Vreny Nef und der TG Hütten, insbesondere des Trainers Urs Ritter sowie meinem unermüdlichen Betreuer-Team und dem ausgezeichneten Teamgeist nicht möglich gewesen. Dafür bin ich unendlich dankbar.

 

Prolog

Mit dem Prolog bin ich zufrieden. Unschön war der Bruch einer Speiche, so dass Dani und Marco bereits ab erster Rennstunde gefordert wurde. Zusätzlich stellten wir fest, dass mit der Gesamtroute ein Navigieren mit dem Garmin und auch dem BikeMap kaum möglich sein wird. So entschloss mein Team, kurzfristig auf Einzelrouten umzustellen, was ihnen eine verkürzte Schlafzeit bescherte. Der Strategiewechsel lohnte sich, wie sich später zeigt; ich habe mich nie verfahren. Am Vorabend vor dem mitternächtlichen Start konnte ich kaum schlafen, blieb aber sehr ruhig und konzentriert, ebenso erging es meiner Crew.

 

Schaffhausen – Frauenfeld

Endlich ging es los. Was wird in den nächsten Stunden, Tagen und Nächten auf mich zukommen? Vielleicht gut, dass ich dies nicht wusste. Eine Fahrt ins Dunkle, ins Ungewisse? Mein Motto war: «Wenn ich’s nicht probiere, werde ich es nie wissen.»

 

Frauenfeld – Unterwasser

In Frauenfeld freute ich mich, vom follow car begleitet zu werden. Es war während des ganzen Rennens beruhigend zu wissen, ein kompetentes Team permanent um sich zu haben, welches sich in allen Belangen um mich sorgte und ich mich «nur» auf das Fahren konzentrieren musste. Gleichwohl fühlte man sich als Fahrerin in seiner eigenen Welt. Dass es bereits am Freitag regnet, haben wir nicht erwartet. Tempomässig startete ich zurückhaltend, da das Rennen ja noch lange sein wird. Auf diesem Streckenabschnitt sah ich verschiedene Teamfahrzeuge, welche von den Rennmarschalls aufgehalten wurden. Ich war froh, dass meines nicht dabei war; es verhielt sich während des ganzen Wettkampfes korrekt und bescherte mir keinerlei Zeitstrafen. Ich war überrascht, dass es immer wieder regnete. Ich war derart nass, dass ich in Unterwasser trockene Kleider benötigte.

 

Unterwasser – Chur

Via Funk wurde ich auf rutschige Kurven im Regen aufmerksam gemacht. Speziell auf diesem Streckenabschnitt war, dass ich über eine längere Strecke auf dem Rheindamm fuhr, während meine Begleiter über die Autobahn nach Bad Ragaz fuhren und dort (im Regen) auf mich warteten. Auch die Strecke nach Chur war geprägt von regnerischen Abschnitten, so dass ich die Morgenstimmung kaum geniessen konnte. Aber unglaublich: bereits im Morgengrauen sah ich meine ersten Fans entlang der Strecke, Vroni von der TG Hütten.

 

Chur – Disentis

Immer noch Regen. Zum Glück weiss ich, dass die Regenfront bald vorbei sein wird. Kurz vor der Rheinschlucht erfolgte die erste Rochade in der Crew. Dani und Nicole kamen aus ihrem wohlverdienten Schlaf in den Einsatz. Nach der Fahrt durch die enge Rheinschlucht, kurz nach Illanz riss das Schaltkabel. Ein Weiterfahren war unmöglich. Ich wechselte auf das zweite Rad, der eine Teil der Crew begleitete mich weiter der andere, d.h. Dani und Marco reparierten das Velo, so dass ich innert Kürze wieder über zwei einsatzfähige Velos verfügte. Cool wie meine Crew alle Herausforderung löste! In Disentis wechselte ich erneut die Kleider.

 

Disentis – Sustenpass

Ab Disentis ging es nur bergauf. Immer wieder versuchte ich ruhig zu bleiben und es gelassen zu nehmen. Auf der Strecke sah ich verschiedene Teilnehmer meiner Spinning-Stunden einerseits und meine Mentaltrainerin Vreny andererseits. Das freute mich sehr und motivierte enorm.

 

Sustenpass – Interlaken

Es folgte eine sehr lange Abfahrt – wie schön! In Interlaken erfolgte ein weiterer Schichtwechsel meiner Crew. Marco verabschiedete sich, während Albert neu dazu kam. Schade, denn am liebsten hätte ich immer die ganze Crew dabeigehabt.

 

Loop Interlaken

Auf dem Beatenberg genoss ich die traumhaft schöne Stimmung. Eva, Willi, Ursula und Hansueli, alles Freunde aus der Region Thun die ich in Giverola kennen lernte, standen am Strassenrand – wie verrückt dachte ich mir und gleichwohl erfüllte mich dies mit Stolz. Ein Maskottchen, ein Hase, hielt Eva in der Hand: «Go Chrigä», er begleitet mich wohl noch länger.

 

Interlaken – Bulle

Die Ersatzstrecke von der Bernerseite auf den Jaunpass war sehr happig. Der Verkehrskollaps und die Dunkelheit setzten mir zu. Gott sei Dank war da Käthlä eine ehemalige Single Gigathletin, welche mich anspornte. Auf dieser Etappe spürte ich meine erste grosse Müdigkeit. Ich freute mich auf mein baldiges Powernap. Es blieb mit einer Dauer von 18 Minuten – wie sich dann zeigte – der einzige Schlaf. Aus dem Dunklen heraus sah ich Heidi und Röbi –ein Wahnsinn, der mir mental sehr gut tat.

 

Bulle – Aigle

Wieder fit nach dem Powernap nahm ich diese Etappe unter die Räder. Ich quälte mich auf einer sehr lang gefühlten Fahrt auf den Col es Mosses hinauf. Selbst die Abfahrt nach Aigle wollte nie enden. Dort war es mir ausnahmsweise nicht nach feinem Weisswein zumute. Zwei Crew-Mitglieder hatten meine Ankunft in der Timestation ankündigten. Sie wechselten dann in die Frontbetreuung.

 

Aigle – Morges

Zur Abwechslung eine Etappe in der Fläche zu absolvieren empfand ich sehr angenehm. Eine kleine Müdigkeitskrise zog schnell vorüber. Die einen taumelten in der frühen Morgenstunde vom Ausgang nachhause, die anderen radelten seit Stunden, ja sogar Tage, in den 2. Morgen hinein.

 

Morges – Baumles

In diesem Abschnitt hatte ich neben den Höhenmetern gegen eine grosse Krise anzukämpfen. Ich haderte mit meinem Gedanken: da waren Teufelchen, die mich zum Abbrechen zwingen wollten, aber ich will doch das Rennen zu Ende fahren. Auch wenn es zeitlich nicht mehr gereicht hätte, wäre ich die Tortour fertig gefahren, doch die Motivation beizubehalten wäre dann schwierig geworden – so grübelte ich in meinen Gedanken. «Vielleicht ist diese Herausforderung doch zu hoch für mich, die einen haben es ja gesagt, du spinnst doch!!» dachte ich zeitweise. Nun ist das eingetroffen, was man befürchtet, dass es irgendwann eintreffen wird: die Krise! Nicht nur das Training und die ständige Nahrungszufuhr sind wichtig, sondern auch die mentale Stärke. Auch vom Kopf wird alles abverlangt; in der Krise sicher am Meisten. Jede Minute, jede Stunde setzte ich mich mit mir auseinander. Versuche ruhig und gelassen zu bleiben, atme tief durch. So oft habe ich mir vorgestellt, wie ich in Schaffhausen in die IWC Arena einfahre. Nur dieses Bild hatte ich vor Augen und dieses will ich erleben und erreichen. Ich glaub ich bin an meine Grenze gekommen, die wollte ich ja erleben, also nimm sie an, sagte ich mir. Meine Crew erkannte den Ernst der Lage. Abbrechen liessen sie nicht zu. Sie gönnten mir nur eine Sandwich-Pause (wenigstens mein Lieblingssandwich). Nach dem letzten Biss motivierten sich mich wieder auf das Velo zu steigen, nach dem Motto, abbrechen kann ich immer noch, aber bitte nicht schon hier.

 

Baumles - Le Locle

Der Zeitdruck erhöhte sich weiter. Meine Gedanken sind immer noch wie auf einer Achterbahn. Es folgte die klare Anweisung der Teamchefin Nicole: «Staub wir fahren nach Schaffhausen!». Die Worte waren so klar, dass mein Fortbewegungsmittel nur das Rennvelo sein konnte. Für alle war klar, jetzt geht es um alles oder nichts. Für mich aber war auch klar, dass ich bis Le Locle kein durchschnittliches Tempo von 30km/h fahren kann, dies wohlverstanden nach723 km! Meine Crew zog alle Register. Doch sie merkten auch, dass ich noch fähig war zum Rechnen! Mit der Rennleitung wurde wegen dem Jaunpass ein Zeitbonus festgelegt. In immer kürzeren Abständen feuerte sich mich am Strassenrand an. Da waren auch wieder Heidi und Röbi am Strassenrand. Ich hoffe nur, dass sie nicht vergebens extra ins Welschland gekommen sind! Nein, sind sie nicht, ich versuchte mit mir im Reinen zu sein, versuchte dran zu bleiben und war gespannt was in der nächsten Timesstation passieren wird.

 

Le Locle - Reconvilier

In Le Locle folgte eine kurze Lagebesprechung zwischen mir, der Crew und zwei Moto-Marshalls. Das Ziel war für alle klar: Staub fährt die Tortour zu Ende! Von nun an, war ich in unter stetiger Aufsicht eines Moto-Marshalls. Er sorgte bei den Abfahrten auf den engen Strassen dafür, dass ich möglichst freie Fahrt hatte, was meine persönliche Sicherheit massiv erhöhte. Mit dem Zeitbonus konnte ich mein Kopf umstellen und mich auf das Ziel fokussieren «ja, ich fahre bis nach Schaffhausen». Ebenso stetig wie mich der Moto-Marshall überwachte, lies es Petrus regnen. Die intensive Betreuung rund um mich herum motivierte mich und gab mir eine neue Perspektive, das Rennen durchstehen zu können. Sowohl der follow car als auch das Begleitfahrzeug meiner Crew standen von nun an pausenlos im Einsatz. Bei jedem Anstieg standen sie abwechslungsweise da und feuerten mich an, «Staub super, einfach dran bleiben!». Auch die Motivation mit Seifenblasen zum Fenster des Begleitfahrzeuges raus liessen sie nicht unversucht. Mit meinem Lieblingssandwich köderten sie mich ebenso. Kurz vor Renconvilier wird mir der Bahnübergang zum Verhängnis. Ich stürzte, was aber glücklicherweise glimpflich ablief.

 

Reconvilier – Balsthal

Ich habe den Rhythmus wieder gefunden. Das sehr intensive, unermüdliche, pausenlose Anfeuern am Strassenrand durch die Crew sowie Heidi und Röbi motivierte mich unheimlich und gab mir neue Kraft. Immer wieder regnete es. Wenigstens gab es zwischendurch noch ein wenig Rückenwind. Da die Durchfahrt Roche gesperrt war, konnte ich eine kurze Strecke bis vor Moutier im Crew Busfahren. Es war für mich schwierig wach zu bleiben. Elsbeth und Ruedi habe ich plötzlich erkannt, hab ihnen zugerufen und mein Herz schlug vor Freude höher und so war ich wieder voll wach.

 

Balsthal – Laufenburg

Dieser Streckenabschnitt wies sehr happige Steigungen auf. Immer wieder Anstiege von bis zu 20 %. Heidi und Röbi haben sich verabschiedet, dafür wurde ich auf diesem Streckenabschnitt von Eva, Michel mit seiner Familie die in diesem Ort wohnen unterstützt. Wegen der extremen Steigungen musste ich gar zweimal absteigen und laufen. Sofort liefen Crewmitglieder neben mir mit dem einzigen Ziel mich bei Laune zu halten.

 

Laufenburg – Glattfelden

Die Strecke wurde wieder etwas flacher. Langsam durfte ich ans Zieldenken. Es dunkelte wieder ein. Nicht nur die Sicht schränkte mich ein, sondern vielmehr mein Nacken. Er versteifte sich zusehends und das Heben meines Kopfes wurde zur Qual. Eine blonde Gestalt in Zurzach rief mir zu: «Stini Du schaffstes, Bravo!» Meine Schulfreundin Trudy, sehr leise hat sie sich verhalten für eine Opernsängerin. Vor Jahren am Zürich Marathon haben die Häuser gebebt, als sie mir zu rief! Für einen Moment waren die Nackenschmerzen vergessen!

 

Glattfelden - Schaffhausen

Auf der letzten Etappe überwog der Gedanke «einfach nur dra blibä und duräbissä». Bereits wieder Mitternacht, zwei Gestalten am Rande: „Staub bisch es Du?“ Es waren Patrizia und Tiziana, unglaublich, auch sie harten in der dunklen, regnerischen Nacht aus um mich zu unterstützen! Auch Nicole’s Mann,Adi und ihre Freundin Barbara feuerten mich an - unglaublich, ich war gerührt. Die Nackenschmerzen steigerten sich in eine kaum aushaltbare Dimension. Sie verunmöglichen mir, die letzte Etappe zu geniessen. Endlich ist Schaffhausen in Sicht, aber es folgten nochmals happige Steigungen. Ein zweiter Töff begleitete mich ins Ziel. Unglaublich – ich realisierte es zwar kaum – ich bin wenige Meter vor dem Ziel und das eigentliche Unmögliche wird möglich. Meine Freundin Nicole hörte ich nicht nur immer während der ganzen Tortour zurufen, sondern schon seit Jahren lag sie mir permanent in den Ohren: „Staub mach mal die Tortour! “Ich bin sie soeben, gleich am Machen! Tränen rollten mir bereits runter. Für einmal sind es keine Regentropfen……Die Zieleinfahrt in die IWC-Arena mit dem Song «Auf uns…» war unbeschreiblich. Es war ebenso überwältigend als auch erlösend: «Ja es ist möglich, 1'000 Kilometer und 14'500 Höhenmeter durchzustehen! Meine Neugier ist nun gestillt!».

 

Ich bedanke mich aus tiefstem Herzen bei meiner Freundin Nicole, meinem lieben Mann Dani, sowie meinen weiteren Crewmitgliedern, Adrian Hauser, der schon im Vorfeld unzählige Stunden für die Planung verbracht hatte, seiner Frau Anni, welche für mich und das leibliche Wohl der Crew gesorgt hat, meinem Schwager Alby und meinem sechsten Crew Mitglied Marco. Jedes einzelne Crewmitglied war sehr wichtig für mich und hat seinen Beitrag zum Erfolg beigetragen. Bei ALLEN, die mitgefiebert haben, sei es von zu Hause aus oder auf der Strecke am Strassenrand durch die ganze Schweiz, bei Tag und Nacht, bei Sonnenschein und Regen bedanke ich mich herzlichst.

 

Eure Christine / Chrigä Staub